Dieter

Folge 8

Der Arztbesuch

Maren hat einen Arzttermin. Um halb zehn. Sie sind seit acht Uhr da. Der Erzähler hat noch nie ein Wartezimmer erlebt. Er wird es nie vergessen.

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Worum geht's in "Der Arztbesuch"?

Der Erzähler hätte diese Zusammenfassung gerne selbst geschrieben. Wir haben ihn nicht gelassen.

Maren hat einen Arzttermin. Um halb zehn. Sie sind seit acht Uhr da. Denn im deutschen Gesundheitssystem ist ein Termin kein Versprechen. Ein Termin ist ein Vorschlag.

In dieser Folge der Hörspiel-Comedy Unerzählbar betritt der Erzähler zum ersten Mal ein deutsches Wartezimmer. Er wird es nie vergessen. Acht beige Plastikstühle, ein lebensgroßes Poster des menschlichen Verdauungstrakts, eine BUNTE von 2016 und ein Mann, der alle einundvierzig Sekunden hustet. Wie eine biologische Kuckucksuhr. Dazu eine ältere Dame, die seit halb acht da ist und das jedem erzählt, der sich setzt. Sie hat den Stuhl mit der Armlehne. Sie hat ihn verdient.

Während Maren in aller Seelenruhe auf ihrem Handy scrollt, zählt der Erzähler Deckenplatten, timt Hustenintervalle und entdeckt im Anamnesebogen Marens geheime Raucher-Vergangenheit. Zwei Zigaretten. Hinter der Turnhalle. Elfte Klasse. Für ihn: ein ganzes Kapitel.

Nach hundertzweiunddreißig Minuten Wartezeit dauert die Behandlung vier Minuten. Das Verhältnis: zweiunddreißig zu eins. Und danach geht es in die Apotheke, wo Medikamentennamen wie Gäste eines Fantasy-Banketts klingen und Umckaloabo eindeutig ein Fluch in einer vergessenen Sprache ist.

Eine Folge über Geduld, beige Stühle und die Erkenntnis, dass Warten weniger schlimm ist, wenn jemand neben einem über Deckenplatten lacht. Jetzt kostenlos anhören in Oldenburg und überall.

Der Erzähler über diese Folge

Er wurde nicht gefragt. Er hat trotzdem geantwortet.

Erzähler: Eine Meditation über die Conditio Humana im institutionellen Raum. Kafka hätte sich wiedererkannt.

Maren: Du hast Husten getimed.

Erzähler: Das war WISSENSCHAFT. Einundvierzig Komma vier Sekunden, Standardabweichung zwei Komma acht. Das ist empirisch belastbar.

Maren: Du hast einem fremden Mann ins Gesicht gezählt.

Erzähler: Ich habe den Rhythmus der Vergänglichkeit dokumentiert! Ein Metronom des menschlichen Verfalls!

Maren: Er hatte einen Schnupfen.

Erzähler: Außerdem habe ich die sozialen Hierarchien eines Wartezimmers entschlüsselt. Frau Kettner auf dem Thron der Armlehne. Die moralische Autorität der Frühankunft. Das ist Anthropologie!

Maren: Das ist eine Rentnerin auf einem Plastikstuhl.

Erzähler: Und die Zeitschriften! Ein archäologischer Fund! Die BUNTE von 2016! Die Zukunft der Elektromobilität, die mittlerweile die Gegenwart ist!

Maren: Du hast auch den Verdauungstrakt alphabetisch sortiert.

Erzähler: Dünndarm, Gallenblase, Leber, Magen, Speiseröhre, Zwölffingerdarm. Korrekt.

Maren: Ich mache mir Sorgen um dich.

Erzähler: Und dann die Apotheke! Umckaloabo! Ein Fluch in einer vergessenen Sprache! Pantoprazol, der Anführer einer geheimen Organisation!

Maren: Es ist Hustensaft und Magentabletten.

Erzähler: Aber du hast gesagt, ich sei unbezahlbar.

Maren: Ich habe gesagt, du bist nicht kostenlos. Das ist was anderes.

Erzähler: Du hast gelacht. Im Wartezimmer. Zum ersten Mal.

Maren: Stimmt. Und nächste Woche gehen wir zum Zahnarzt.

Erzähler: Neues Thema.

In dieser Folge

Einer betritt zum ersten Mal ein Wartezimmer. Eine kennt die Deckenplatten. Einer hat geschlafen.

Picture of Der Erzähler

Der Erzähler

Betritt zum ersten Mal ein deutsches Wartezimmer. Und verliert langsam den Verstand. Timt Hustenintervalle, sortiert den Verdauungstrakt alphabetisch, entdeckt in der Apotheke eine geheime Organisation und erklärt einen Plastikstuhl mit Armlehne zum Thron. Hält das deutsche Gesundheitssystem für eine Olympiade des Wartens. Und stellt fest, dass Warten erzählenswerter ist, als er dachte.

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Maren

Hat einen Arzttermin um halb zehn. Ist um acht da. Weil sie das System kennt. Füllt den Anamnesebogen aus und kreuzt bei allem gelegentlich an. Gelegentlich Alkohol, gelegentlich Sport, gelegentlich gestresst. Hat seit fünfzehn Jahren die Deckenplatten gezählt und lacht zum ersten Mal im Wartezimmer. Nennt den Erzähler unbezahlbar. Oder nicht kostenlos. Je nach Interpretation.

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Dieter

Hat den Arztbesuch verschlafen. Begrüßt Maren und den Erzähler nach dreieinhalb Stunden Abwesenheit mit einem einzigen, langsamen Blinzeln. Das war sein gesamter Kommentar. Hat den ruhigsten Tag von allen dreien.

Häufig gestellte Fragen

Maren und der Erzähler beantworten eure Fragen

Erzähler: NEIN. Ich kannte es auch nicht. Und ich habe ÜBERLEBT. Knapp.
Maren: Du warst im Wartezimmer, nicht im Krieg.
Erzähler: Der Unterschied ist kleiner als du denkst.
Maren: Man muss nur wissen: Termin heißt nicht, dass man drankommt. Zeitschriften sind aus der Vergangenheit. Und es gibt immer jemanden, der hustet.
Erzähler: Alle einundvierzig Sekunden.
Maren: Das ist universell genug.

Erzähler: Vierundzwanzig. Minus die zwei über dem Empfang.
Maren: Die sind abgehängt. Die zählen nicht.
Erzähler: Sie hat eine Deckenplatten-Taxonomie. Nach fünfzehn Jahren Wartezimmer.
Maren: Wartezimmer macht Dinge mit Menschen.
Erzähler: Ich habe auch die Bodenfliesen gezählt. Sechsundneunzig.
Maren: Siehst du. Es hat schon angefangen.

Erzähler: Dieter hat unsere Abwesenheit mit der gelangweilten Gleichgültigkeit eines Wesens quittiert, das die Konzepte Sehnsucht und Zeitgefühl gleichermaßen ablehnt.
Maren: Er hat geschlafen.
Erzähler: Er hat EINMAL geblinzelt. Langsam. Das war sein gesamter Kommentar zu dreieinhalb Stunden Abwesenheit.
Maren: Er ist ein Kater. Die machen das so.
Erzähler: Er hatte den besten Tag von uns allen.

Erzähler: Ein Fluch in einer vergessenen Sprache. Der Ausgestoßene einer geheimen Apotheken-Organisation, dessen Mitglieder alle auf OL enden.
Maren: Es ist ein Erkältungsmittel.
Erzähler: Pantoprazol ist der Anführer. Ambroxol der Spion.
Maren: Es ist Chemie. Keine Verschwörung.
Erzähler: Genau das würde die Organisation SAGEN.
Maren: Du brauchst frische Luft. Dringend.

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