Dieter

Folge 5

Das Bürgeramt

Maren braucht einen neuen Personalausweis. Der Erzähler betritt zum ersten Mal eine deutsche Behörde. Eine hat ein Buch dabei. Der andere verliert den Verstand.

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Worum geht's in "Das Bürgeramt"?

Der Erzähler hätte diese Zusammenfassung gerne selbst geschrieben. Wir haben ihn nicht gelassen.

Es gibt Orte, an denen die Zeit aufhört zu existieren. Schwarze Löcher. Das Bermudadreieck. Und das Bürgeramt Oldenburg, Abteilung B, Sachgebiet 2.

Maren Vogt braucht einen neuen Personalausweis. Ihrer läuft ab. Wie Joghurt, nur dass Joghurt nach dem Ablaufdatum meistens noch gut ist. Sie hat einen Online-Termin, zehn Uhr vierzig. Ein biometrisches Passfoto, auf dem sie aussieht, als hätte jemand ihr den Kaffee weggenommen. Und einen Erzähler mit sieben Semestern Germanistik, der zum ersten Mal in seinem Leben eine deutsche Behörde betritt.

Was folgt, sind hundertdreizehn Minuten auf Plastikstühlen unter Neonlicht. In dieser Hörspiel-Comedy passiert alles und nichts gleichzeitig: Wartenummern kriechen vorwärts, ein Beamter transportiert eine einzelne Akte über elf Meter Linoleum, ein junger Mann verschläft seinen Termin, und der Erzähler dichtet einem fremden Nummernschild eine Liebesgeschichte an. Maren liest Donna Leon. Der Erzähler liest eine Broschüre über das Bundesmeldegesetz in Verbindung mit der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Durchführung des Bundesmeldegesetzes. Einer von beiden verliert den Verstand.

Zwischendurch stellt Maren eine Beobachtung an, die den Erzähler bis ins Mark trifft: Er und die Verwaltung haben die gleiche Technik. Beide benutzen dreimal so viele Wörter wie nötig. Beide verpacken einfache Dinge in komplizierte Sätze. Und beide brauchen einen Übersetzer.

Kostenlos anhören, am besten auf einem Plastikstuhl. Für das authentische Erlebnis.

Der Erzähler über diese Folge

Er wurde nicht gefragt. Er hat trotzdem geantwortet.

Erzähler: Eine Episode über die fundamentale Leere institutionalisierter Warteerfahrung. Beckett hätte applaudiert.

Maren: Du hast anderthalb Stunden lang Wartenummern kommentiert.

Erzähler: Ich habe die Dynamik eines bürokratischen Mikrokosmos eingefangen!

Maren: Du hast einem Nummernschild eine Liebesgeschichte angedichtet. Olaf liebt Liane. Am achten Dezember.

Erzähler: OL-LI 342 war ein klarer Hinweis.

Maren: Der Mann hieß Petersen.

Erzähler: Petersen geborene Lindemann. Die matrilineare Perspektive erklärt alles.

Maren: Die matrilineare Perspektive erklärt gar nichts. Aber sie hat drei Minuten Wartezeit gefüllt. Das war ihr einziger Verdienst.

Erzähler: Ich habe außerdem eine tiefgreifende Analyse des behördlichen Schriftverkehrs vorgenommen. Neununddreißig Wörter. Kein Verb bis Wort vierzehn.

Maren: Du hast eine Broschüre gelesen und sie dann eingesteckt.

Erzähler: Ich habe den Gegner analysiert!

Maren: Du hast eine Broschüre als Gute-Nacht-Lektüre mitgenommen. Sag es einfach.

Erzähler: …Neues Thema.

Maren: Mein Lieblingsmoment war, als du gesagt hast, dass die Stühle eine Menschenrechtsverletzung sind.

Erzähler: Die ergonomische Qualität eines Vorwurfs! Das ist ein guter Satz!

Maren: Und dann hast du hundertneun Minuten darauf gesessen.

Erzähler: Unter Protest.

Maren: Du hast keinen Hintern.

Erzähler: Metaphorischer Protest auf einem metaphorischen Hintern.

Maren: In Verbindung mit.

Erzähler: Hör auf damit.

In dieser Folge

Einer betritt zum ersten Mal eine Behörde. Eine hat Donna Leon dabei. Einer hat das Kissen besetzt.

Picture of Der Erzähler

Der Erzähler

Betritt zum ersten Mal eine deutsche Behörde. Mit sieben Semestern Germanistik, ohne Buch, ohne Wasserflasche und ohne jede Vorbereitung auf das, was ihn erwartet. Dichtet einem Nummernschild eine Liebesgeschichte an, liest eine Broschüre über das Bundesmeldegesetz und steckt sie ein. Aus Recherchegründen. Angeblich.

Picture of Maren

Maren

Braucht einen neuen Personalausweis. Hat einen Online-Termin, ein biometrisches Foto und Donna Leon dabei. Liest seelenruhig ihren Krimi, während neben ihr ein Erzähler den Verstand verliert. Hilft einer älteren Frau, die ihre Brille vergessen hat. Erzählt niemandem davon.

Picture of Dieter

Dieter

Zeigt Maren zum Abschied sein Hinterteil und verbringt den Tag auf dem BILLY-Regal. Wechselt irgendwann aufs Kissen. Muss weder eine Wartenummer ziehen noch ein Formular ausfüllen noch beweisen, dass er existiert. Hat den besten Tag von allen dreien.

Häufig gestellte Fragen

Maren und der Erzähler beantworten eure Fragen

Erzähler: Selbstverständlich. Das narrative Fundament wurde in den vorherigen Episoden gelegt. IKEA, das Franzbrötchen, die Badezimmer-Szene. Alles baut aufeinander auf.
Maren: Du kannst einfach einsteigen. Der Erzähler ist eine Stimme, ich bin Maren, Dieter ist der Kater. Der Rest erklärt sich.
Erzähler: Das ist eine grobe Vereinfachung!
Maren: Du warst hundert Minuten im Bürgeramt und hast Wartenummern kommentiert. Das versteht jeder auch ohne Vorwissen.

Maren: Ja.
Erzähler: Angekettet. Wie in einem mittelalterlichen Verlies. Nur dass im Verlies wenigstens was passiert.
Maren: Sie werden halt geklaut, wenn man sie nicht festmacht.
Erzähler: Wer klaut Kugelschreiber aus dem Bürgeramt?!
Maren: Wer steckt drei IKEA-Bleistifte ein?
Erzähler: Das war Recherche.

Erzähler: Er zeigt Maren sein Hinterteil und schläft den ganzen Tag auf dem BILLY-Regal. Und dann auf ihrem Kissen.
Maren: Er hat die klügere Entscheidung getroffen.
Erzähler: Er hat den einzig richtigen Entschluss des Tages gefasst und ihn konsequent umgesetzt. Ohne Wartenummer. Ohne Formular. Ohne Stuhl.
Maren: Er ist ein Kater. Das ist sein Standardprogramm.
Erzähler: Es ist ein Vorbild.

Erzähler: Es bedeutet, dass ein Gesetz sich auf ein anderes Gesetz bezieht, das sich auf eine Vorschrift bezieht, und am Ende steht man vor Schalter 4 und hat immer noch keinen Ausweis.
Maren: Es ist der Lieblingssatz der deutschen Verwaltung.
Erzähler: Es ist ein Verbrechen an der deutschen Sprache. Aus rein literarischen Gründen.
Maren: Du hast die Broschüre eingesteckt, in der es steht.
Erzähler: Ich analysiere den Gegner!
Maren: Du liest es vor dem Einschlafen. Gibs zu.

Mehr Folgen

Der Erzähler nennt es ein Gesamtwerk. Maren nennt es Dienstag.

Folge 7

Der Filmabend

Der Erzähler hat noch nie ferngesehen. Maren hat eine Fernbedienung mit siebenundvierzig Knöpfen. Einer von beiden schreit am Ende den Bachelor an.

Folge 11

Der Stromausfall

Der Strom fällt aus. Maren hat Kerzen, aber kein Feuerzeug. Dieter jagt einen Korken. Und im Dunkeln passiert etwas, das im Hellen nie passiert wäre.

Folge 2

Das Date

Maren hat ein Date. Der Erzähler hat Meinungen. Dieter hat die rechte Seite des Bettes besetzt. Und niemand von den dreien gedenkt, das zu ändern.